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5.3 - Express-S-Bahn:

In 20 Minuten vom Stuttgarter Hauptbahnhof zum Flughafen

Seit 1993 verkehren zwei S-Bahn-Linien im 20-Minuten-Takt zum Stuttgarter Flughafen. Die Fahrzeit beträgt ab Stuttgart-Hbf 27 Minuten, ab Stadtmitte 25 Minuten. Der große Fahrgastzuwachs im gesamten S-Bahn-Netz, der sich dank einiger späterer Netzerweiterungen zuletzt noch beschleunigte, hat insbesondere die sogenannte Stammstrecke zwischen Hbf und Schwabstraße (mit Weiterführung nach S-Vaihingen) mittlerweile an ihre technische Kapazitätsgrenze gebracht. Deshalb wird in den letzten Jahren immer wieder der Ruf nach einer zweiten Stammstrecke laut.

Verrückterweise gibt es diese zweite Schienenstrecke zwischen Hbf und Vaihingen bereits – ohne dass man sie nutzt. Ja im Zuge von Stuttgart 21 soll diese noch erhebliche Kapazitätsreserven aufweisende Strecke gar stillgelegt werden!1 Die Rede ist von der sog. Gäubahn von Stuttgart-Hbf über S-Vaihingen nach Freudenstadt bzw. Rottweil-Singen, die in ihrem schönen aussichtsreichen Stuttgarter Abschnitt auch Panoramabahn genannt wird.

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© Klaus Gebhard

Auf dieser Strecke ließe sich nicht zuletzt zur Entlastung der Stammstrecke durch die Innenstadt ab morgen eine neue Express-S-Bahn-Linie zum Flughafen einrichten, die mit lediglich einem Zwischenhalt in S-Vaihingen (zur Aufnahme von Gäubahnumsteigern aus dem Südwesten Baden-Württembergs) binnen 20 Minuten direkt unter dem Abflugterminal des Stuttgarter Flughafens ankäme. Fahrplanmäßig könnte sie im 20-Minuten-Takt verkehren, und dies zum VVS-Tarif von 4 € für die durchquerten 3 Zonen. Die schönen Aussichten unterwegs gäbe es gratis dazu.

Dafür wäre keinerlei Schienenneubau notwendig. Die Lokführer dieser neuen Flughafen-Express-S-Bahn bräuchten in S-Vaihingen sozusagen nur "ein Mal links blinken", um ab S-Rohr wie die S2 und S3 zum Flughafen via Leinfelden und Echterdingen abzubiegen. Doch die politische Vorgabe lautete in den letzten Jahrzehnten: „Mit Stuttgart 21 per ICE in 8 Minuten zum Flughafen“. Für dieses Ziel sollen ein milliardenteurer 9,5 km langer neuer Tunnel von S-Hbf auf die Fildern sowie ein neuer Fernbahnhof einen viertel Kilometer außerhalb des Abflugterminals in 26 m Tiefe gebaut werden.

Vergleicht man die Gesamtfahrzeiten der beiden Optionen von S-Hbf bis zum eigentlichen Ziel, dem Abflug-Terminal, so ergeben sich für die Express-S-Bahn-Nutzer die genannten 20 Minuten, und für die Passagiere des ICE 8 Minuten plus ca. 5 Minuten Laufzeit für die 0,25 km Fußweg zum Terminal plus die Zeit vor und in den Aufzügen, um überhaupt erst einmal aus dem 26 m tief gelegenen neuen Bahnhof herauszukommen. Zusammengerechnet also 13-15 Minuten, je nachdem, wie schnell die Fahrstühle gerade verfügbar und wie gut zu Fuß die ICE-Reisenden sind.

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Graphik: Bahnprojekt Stuttgart-Ulm
Der auf dem Lageplan in grau eingezeichnete S21-Flughafenfernbahnhof für die S21-Züge von Stuttgart, Ulm und Tübingen ("Station NBS") soll in 26 Meter Tiefe und ¼ km ausserhalb der Abflugterminals (Flugzeugsymbol) gebaut werden. Die zu Fuß zurückzulegende zusätzliche Strecke muss je nach mitgeführtem Gepäck, Aufzugsverfügbarkeit und körperlicher Fitness mit 5-8 Minuten veranschlagt werden, die den propagierten 8 Minuten Fahrzeit aus der Stuttgarter Innenstadt hinzuzurechnen sind. Die Express-S-Bahn käme hingegen wie die heutige S-Bahn auch in der "Station Terminal" direkt am bzw. unter dem Terminal an.

Die sich daraus errechnende geringe Gesamtzeitdifferenz zur Express-S-Bahn von 5 bis 7 Minuten kann an sich schon das Milliardeninvestment für diesen Streckenast von Stuttgart 21 nicht rechtfertigen. Der Eindruck einer Fehlinvestition verstärkt sich, wenn man die unterschiedlichen Zugtaktabstände sowie die verschiedenen Fahrpreise für die ICE- und S-Bahn-Tickets einbezieht. Auch hierin schlägt eine unmittelbar verfügbare Express-S-Bahn den ICE-Anschluss um Längen.

Tickets im vergleich
© Klaus Gebhard
Die S21-Werbung spricht immer nur von den 8 ICE-Minuten zum Flughafen. Vom gesalzenen Preisunterschied ist dagegen nie die Rede. Wieviel Prozent aller Flughafenpassagiere würden wohl bei den minmalen Gesamtwegezeit-Unterschieden den fast 4 x so teuren ICE wählen?

Dies zeigt die Abbildung des Ticketautomaten in einer vorweg genommenen Gegenüberstellung. Der angezeigte künftige Preis für die ICE-Fahrt von S-Hbf zum Flughafen Stuttgart wurde dabei vom heute erhobenen DB-Fahrpreis der vergleichbar langen ICE-Strecke von Frankfurt-Hbf zum Frankfurter Flughafen hergeleitet. Diese kostet derzeit 13 €, obwohl dort weitgehend oberirdisch auf einer Altbestandsstrecke gefahren wird, während in Stuttgart die milliardenteuren Neubauten erheblich höhere Trassen- und Stationsgebühren verursachen werden, die anteilig auf den Ticketpreis umzulegen sind. Vermutlich werden wenige Flugpassagiere den fast viermal so teuren ICE wählen, wenn dieser dreimal seltener verkehrt als die S-Bahn, und dafür auch noch ein Viertelkilometer Fußmarsch, in den meisten Fällen mit einigem Gepäck, nötig ist.

Für die meisten Bürger, die allenfalls ein, zwei Mal im Jahr per Flugzeug in den Urlaub fliegen, sind schon die heutigen 27 Minuten Fahrzeit keine Zumutung – schon gar nicht angesichts des weit günstigeren Fahrpreises und der weitaus bequemeren Ankunft am Flughafen. Wie auch? Ist doch bereits die heutige Schienenanbindung des Stuttgarter Flughafens an die Innenstadt mit ihren 27 Minuten Fahrzeit im internationalen Vergleich weltrekordverdächtig schnell. Dies zeigt der abschließende vergleichende Blick auf die benötigten Fahrzeiten zu den Flughäfen von 6 touristisch wie geschäftlich stark frequentierten Städten, die allesamt deutlich größer sind als Stuttgart. In den gezeigten Beispielstädten käme angesichts einer bereits so komfortablen Anbindungs-Situation wie der in Stuttgart niemand auf die Idee, für eine nochmalige Fahrzeitverkürzung von 5-7 Minuten zig Milliarden an Steuergeldern auszugeben und dabei auch noch zahlreiche Risiken bei der dafür notwendigen Untertunnelung einer Halbmillionenstadt einzugehen.

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Screenshots: Klaus Gebhard

Fahrzeiten-Vergleich internationaler Großstädte Zugverbindungen zum Flughafen

Hamburg Landungsbrücken > Fuhlsbüttel = 31 Minuten
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München Marienplatz > Erding = 46 Minuten
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Berlin Kurfürstendamm > Schönefeld = 60 Minuten
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Paris Notre Dame > Charle de Gaulle = 40 Minuten
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London Piccadilly Circus > Heathrow = 46 Minuten
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New York Times Square > John F. Kennedy = 62 Minuten
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1 Inzwischen hat der „Erfinder“ von Stuttgart 21, Professor Gerhard Heimerl, seine jahrelang vehement verfochtene Ansicht, dass die Gäubahnstrecke in die Stadt hinunter stillzulegen sei, geändert: „Man muss sicherstellen, dass (..) auf der alten Gäubahnstrecke Züge fahren, und zwar täglich, im Regelbetrieb. (..) Die Fahrgastzuwächse in den letzten 20 Jahren und die Erhöhung der Zugzahlen und die weiteren Erhöhungen haben Konsequenzen für die Infrastruktur. Man kann auf die jetzigen S-Bahn-Gleise nicht noch mehr drauf packen.“ Dieser Sinneswandel ist bemerkenswert und ein Beleg mehr für die jahrelang verschleierten grundlegenden Konzeptionsfehler des Projekts Stuttgart 21.

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