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5.2 - Der Umstieg macht’s möglich:

S-Bahn-Ringschluss von den Fildern ins Neckartal

Der Siedlungsraum „Filder“ hat in den zurückliegenden Jahrzehnten einen gewaltigen Strukturwandel erlebt.

Mit dem Bau des Flughafens und der Autobahn A8 haben sich dort mehr und mehr potente Arbeitgeber in entsprechend ausgedehnten Gewerbegebieten angesiedelt. Über die Jahrzehnte ist längs und südlich der Ost-West-Achse der A81 und A8 zwischen Herrenberg und Kirchheim-Teck eine zweite Großstadt mit inzwischen 440.000 Einwohnern herangewachsen. Hinzu kommt eine starke Zunahme des Pendlerverkehrs. Kein Wunder, dass die A8, A81 und B27 morgens wie abends chronisch verstopft sind.

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© Klaus Gebhard

Demgegenüber ist in diesem Siedlungsraum das Schienennetz ein Flickenteppich mit zum Teil noch eingleisigen Streckenabschnitten.

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© Klaus Gebhard

Verzagt und ohne Vision sind die offiziellen Schienenausbaupläne für diese Metropolregion. Die S-Bahn-Linie S2 soll gerade einmal um 4 km über Sielmingen bis Neuhausen/Filder verlängert werden, und das teilweise nur eingleisig.

An eine Weiterführung von dort bis hinunter ins 12 km entfernte Neckartal denkt so gut wie niemand. Die ICEs und IREs werden auf dem Weg zu ihrem nächsten Halt in Ulm an allen Fildergemeinden nur vorbei brausen. Schlimmer noch: Auf dem S-Bahn-Streckenast von Rohr zum Flughafen wird wegen der dort geplanten Einfädelung der Gäubahnzüge die ohnehin schon beschädigte Pünktlichkeit des S-Bahn-Verkehrs noch weiter beeinträchtigt. Und die gewünschte S-Bahn-Taktverkürzung wird durch die Mischverkehrsnutzung der S-Bahn-Trasse gar für alle Zeiten unmöglich gemacht.

Auch werden die Verkehrsprobleme des mittleren Filderraums durch die Verlängerung der Stadtbahnlinie U6 vom Gewerbegebiet Fasanenhof bis zur Messe nicht zu lösen sein.

Zwei Varianten zur nachhaltigen Verkehrsentlastung des Filderraums

Die Filderschutzgemeinschaft fordert ihn schon lange: den Ringschluss der in Bernhausen endenden S-Bahn-Linie in das nur 12 km entfernte Wendlingen (Luftlinie) im dicht besiedelten Neckartal. Weil der für S-Bahn-Planungen zuständige Verband Region Stuttgart weiterhin fast all seine Ressourcen in das aufgabenfremde Projekt Stuttgart 21 steckt, haben örtliche Initiativen zwei mögliche Trassierungen entwickelt.

Die nächstliegende, östlich von Neuhausen schnurstracks entlang der Autobahn A8 nach Wendlingen hinab führende Variante 1 hat, von Bernhausen ab gemessen, eine Länge von 12,7 km. Zwei Kilometer länger und damit auch teurer ist die Variante 2, die wegen ihres Bogens um Köngen herum „Köngen-Turn“ genannt werden könnte. Sie verspricht die nachhaltigste Entlastung auf der extrem befahrenen A8/A81-Straßenverkehrsachse von Herrenberg bis Kirchheim/Teck.

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Ringschluss-S-Bahn Variante 2: "Köngen-Turn"

Diese Streckenführung mit ihrer von Norden her eingefädelten Zufahrt zum Wendlinger Bahnhof eröffnet beeindruckende Verbindungsoptionen zwischen Vaihingen und Wendlingen, großräumiger betrachtet sogar zwischen Herrenberg, Böblingen und der Filderebene einerseits und Kirchheim/Teck, Plochingen und Nürtingen – eventuell sogar Neuffen – andererseits.

Die heute von Vaihingen/Rohr kommenden und am Flughafen bzw. in Bernhausen kehrtmachenden beiden S-Bahn-Linien S3 und S2 werden durchgängig 2-gleisig ausgebaut. Das betrifft auch den nur 1-gleisig gebauten S-Bahn-Tunnel unter dem Flugfeld des Echterdinger Flughafens hindurch, der mit einer zweiten Röhre nachgerüstet werden muss. Die Verlängerung der beiden S-Bahn-Linien erfolgt bis Neuhausen auf derselben Trasse, die derzeit in Planung ist – nur eben durchgängig 2-gleisig und mit dem Unterschied, dass sie am dortigen westlichen Ortsrand nicht endet, sondern schon weitergedacht ist. Dazu wird Neuhausen entweder mit einem kurzen Tunnel samt ortsmittiger Haltestelle unterfahren oder auf seiner Nordrandseite umfahren. Bei letzterer Streckenführung ließe sich etwa auf Höhe der Neuhausener/Denkendorfer Raststätte ein Zubringer-Verkehrsknoten einrichten, zu dem vertaktete Busverbindungen aus Ostfildern, Denkendorf, Neuhausen und Wolfschlugen geführt werden. Damit erhielten diese Filderorte erstmals sinnvolle Anschlüsse.

Kurz vor der A8-Autobahnbrücke über das Sulzbachtal im Osten von Neuhausen vereinen sich die beiden möglichen Neuhausenvarianten wieder. Die Bahn hat dort mittlerweile den für die Stuttgart21-ICE-Trasse nach Wendlingen benötigten neuen Eisenbahnviadukt über das Sulzbachtal fertiggestellt.

Es bietet sich an, diesen neuen 2-gleisigen Viadukt für den Ringschluss der S-Bahn-Linien zu nutzen. Und dies selbstverständlich nicht im gefährlichen Mischverkehr von ICE und S-Bahnen an allen Filderorten vorbei, wie vom Verband Region Stuttgart unsinnigerweise vorgeschlagen, sondern durch Verzicht auf das Teilprojekt Stuttgart 21.

Sulzbachtalviadukt

© Klaus Gebhard
Der bereits fertige S21-Sulzbachtal-Viadukt wird sinnvoll umgenutzt und ist damit nicht den Ausstiegskosten anzurechnen.

 

Mischverkehr
© Klaus Gebhard
Wie sehr das völlig überteuerte Projekt S21 den finanziellen Spielraum für andere dringende(re) Schienenausbauprojekte in Stadt und Land einengt, zeigt die abenteuerliche Idee des für das S-Bahn-Netz zuständigen Verbands Region Stuttgart, eine evtl. ins Neckartal zu verlängernde S-Bahn-Linie ab dem Stuttgarter Flughafen auf 13 km Länge (!) auf dem selben Gleispaar bis Wendlingen verkehren zu lassen, auf dem die ICEs mit Hochgeschwindigkeit von und nach Ulm rasen. Dass durch diese Schienen-Sparlösung obendrein auch noch die S-Bahnen an allen Filderorten vorbei fahren würden, ist dem klammen, weil S21-fixierten Verband offenbar keine weiteren Gedanken wert.

Etwa auf halbem Weg zwischen neuem Sulzbach-Viadukt und Neckartal überquert die S-Bahn-Trasse die Autobahn A8 und wendet sich dann ein kurzes Stück nordwärts. Auf diese Weise kann Köngen mit seinen 10.000 Einwohnern einen eigenen S-Bahn-Halt an seinem nordwestlichen Ortsrand erhalten, den auch die Bewohner des nur 3 km entfernten Denkendorf per Park-and-Ride mit nutzen könnten.

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Ringschluss-S-Bahn Variante 2: "Köngen-Turn", Detailausschnitt

Die zweite Hälfte des „Köngen-Turns“ taucht sodann in einen kurzen Tunnel ab, mit dessen Hilfe a) der Ort geräuschlos passiert werden kann, und b) in dessen Verlauf möglichst viel Höhe abgebaut werden soll. Denn die Filderebene fällt bei Köngen steil zum Neckar ab. Um die sich an den Tunnel anschließende S-Bahn-Brücke über den Neckar möglichst unauffällig durch den Talgrund führen zu können, ist dieser kurze Abstiegstunnel nötig.

Wie auf der Karte zu sehen, gabelt sich diese Brücke Y-förmig in zwei Äste. Ein Ast fädelt nach der Neckarüberquerung nordwärts in Richtung Wernau-Plochingen in die Neckartalbestandsstrecke ein, während sich der südliche Ast dem nahe gelegenen Wendlinger Bahnhof zuwendet. In der großräumigen Betrachtung wird der Mehraufwand des Bogens um Köngen in einem kurzen Tunnel mit anschließender Y-Brückenkonstruktion plausibel und rechtfertigbar:

Die beiden heute von S-Vaihingen kommenden S-Bahn-Linien S3 bis Flughafen und S2 bis Bernhausen werden gemeinsam bis Köngen-Nord geführt, von wo aus sie sich dank Y-Brücke verzweigen:

  • Eine Linie nach Norden über Wernau nach Plochingen mit Umsteigemöglichkeiten vom und ins Filstal;
  • die andere S-Bahn-Linie nach Süden über Wendlingen und Oberboihingen nach Nürtingen – oder, wenn die „Tälesbahn“ elektrifiziert würde, gar bis nach Neuffen, was noch einmal eine Einwohnerschaft von 20.000 Menschen ans S-Bahn-Netz anschließen würde.
Neuffen

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Mit der über Nürtingen hinaus verlängerbaren Filder-Neckar-S-Bahn bis Neuffen direkt zu Füßen der Schwäbischen Alb

Die Ost-West-Schienen-Autobahn

Eine dritte attraktive Option, die sich erst durch die Zufahrt nach Wendlingen von Norden her eröffnet, ist die Möglichkeit, ohne Zugwende und ohne Umstieg von den Fildern und dem Flughafen auch noch weiter nach Kirchheim/Teck fahren zu können (wie stets natürlich auch in umgekehrter Richtung). So ist mit der „Köngen-Turn“-Lösung eine neue S-Bahn-Linie S10 denkbar, die von Kirchheim erstmals über Wendlingen auf die Fildern durch mehrere angeschlossene Fildergemeinden zum Flughafen und von dort weiter nach Echterdingen, Leinfelden, Rohr und über die Rohrer Kurve weiter nach Sindelfingen/Böblingen bis Herrenberg verkehrt.

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Mit diesen drei sich eröffnenden S-Bahn-Linienführungen (S2, S3 und S10) wäre erstmalig der gesamte nach und nach entstandene Metropolraum südlich von Stuttgart per Schiene komfortabel, ökologisch und leistungsstark getaktet verbunden – also die Region von Kirchheim/Teck mitsamt dessen Einzugsgebiet Lenninger Tal, das Plochinger Filstal, das Nürtinger und Wendlinger Neckartal mit den mittleren Fildergemeinden und dem Flughafen, den großen Arbeitsplätzekonzentrationen in Vaihingen, Sindelfingen, Böblingen-Hulb bis Gärtringen und Herrenberg.

Nur so ergibt auch die Investition in die Rohrer Kurve Sinn: für eine kreuzungsfreie leistungsfähige S-Bahn-Über-Eck-Verbindung analog der Funktion des Vaihinger Autobahnkreuzes. So wird das Umsteigen auf eine umsteigefreie S-Bahn-Schienenverbindung in autobahnenparalleler Ausrichtung attraktiv.

Der Gewinn des Rings liegt in seiner raumübergreifenden Konzeption: Am westlichen Filderrand bekommt der Vaihinger Bahnhof einen zusätzlichen Bahnsteig, an dem die vergleichsweise wenigen von Süden mit Reiseziel Flughafen kommenden Fahrgäste aussteigen und bequem in die S-Bahnen Richtung Flughafen umsteigen können.

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© Peter Gierhardt, Klaus Gebhard

Die Schnellzüge, die im Osten über die Neubaustrecke von Ulm her kämen, schwenken in Wendlingen über eine zweigleisige Rechtskurve in den dortigen Bahnhof ein, von wo aus die (wenigen) Passagiere mit Fahrtziel Flughafen bequem von demselben Bahnsteig aus in die direkt nachfolgend getaktete S-Bahn zum bereits existierenden S-Bahnhof direkt unter dem Abflugterminal umsteigen können. Dieser Umstieg in Wendlingen ist allemal bequemer als die Weiterfahrt zum neuen Flughafen-Fernbahnhof, der in 26 Meter Tiefe liegt und von dem aus man erst einmal an die Oberfläche kommen und dann mitsamt seinem Gepäck noch einen viertel Kilometer zu Fuß zum Terminal laufen muss.

Dasselbe gilt für die Bahnfahrgäste aus dem Raum Tübingen, Reutlingen, Nürtingen. Die Passagiere mit Ziel Flughafen müssten am Wendlinger Bahnhof auf die getaktete Flughafen-Ring-S-Bahn umsteigen. Weit mehr Passagiere der REs und IREs aus Richtung Tübingen wollen jedoch wie bisher nach Wendlingen, Plochingen, Esslingen und Bad Cannstatt. Mit Verwirklichung von S21 würde diese Route dagegen stark ausgedünnt.

Plädiert wird also für einen S-Bahn-Lückenschluss contra fortschreitendem Flächenfraß durch die Straße, wie er mit dem Ausbau der A8 von 6 auf 8 Spuren betrieben wird. Durch die Investition in eine erstmalig wettbewerbsfähige Ost-West-Schiene könnte diese bislang ungebremste Fehlentwicklung endlich gestoppt werden.

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© schaeferweltweit.de
Die morgens wie abends völlig verstopfte A8 wird trotz gigantischer Geldausgaben von gut 10 Mrd. € für Stuttgart 21 plus 3,5 Mrd. € für die autobahnparallele Neubaustrecke über die Schwäbische Alb weder vom LKW- noch vom PKW-Verkehr entlastet werden: 1.) Mangels Güterzugtauglichkeit der NBS (siehe 1. Bild in Kapitel 5.1) wird die dringend erforderliche Verlagerung des Frachtverkehrs auf die Schiene auf dieser überlasteten Ost-West-Achse nicht kommen. 2.) Und was die werktäglich zweimalige Flut an PKW-Pendlern anbelangt (im Bild der Abschnitt zwischen Leinfelden und Fasanenhof): Da Berufspendler auch künftig weder mit dem Flugzeug noch mit dem Schiff zu ihren Arbeitsstätten fahren werden, ist die einzige Alternative zum Straßenverkehr ein durchgängiges leistungsstarkes straßenachsenparalleles Schienenverkehrsangebot. Stuttgart 21 trägt dazu nicht nur nichts bei, es kannibalisiert aufgrund seiner Fass-ohne-Boden-"Qualitäten" auch sämtliche anderen vernünftig(er)en Schienenausbauprojekte. Mit den durch Umstieg21 eingesparten Schieneninvestitions-Milliarden kann eine nerven- und umweltschonende Verkehrsmittelalternative dagegen rasch finanziert und realisiert werden.

Die bei dem hier vertretenen Umstieg eingesparten Kosten könnten dem S-Bahn-Ringschluss- Projekt zugute kommen. In Anbetracht der für 4 km S-Bahn-Verlängerung bis Neuhausen gehandelten Beträge muss für den S-Bahn-Ringschluss mit gut einer Milliarde Euro gerechnet werden. Dieser Aufwand wäre für alle davon profitierenden Teilgemeinden der „vergessenen Großstadt südlich von Stuttgart“ deutlich sinnvoller, als fern am Horizont ab und an einen ICE von Stuttgart-Flughafen über die Alb an allen Orten vorbei nach Ulm fahren zu sehen.

Vorteile S-Bahn-Lückenschluss Variante "Köngen-Turn"

 


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